Aug 172019
 

„Alle wirklich intelligenten Menschen sollten kremiert werden“, sagt der Diener des unglaublichen Anschraubkopfs, was dieser lakonisch mit diesen Worten quittiert: „Aus Gründen der nationalen Sicherheit.“

Und das ist vielleicht noch eine der normaleren Szenen in dieser ausgesprochen wilden Erzählung, die Mike Mignola im Jahr 2002 bei Dark Horse publizierte. 15 Jahre später debütiert der Comic nun auch endlich im deutschsprachigen Raum, ergänzt um ein paar Kurzgeschichten, die mit der Haupthandlung nichts zu tun haben, aber von derselben Atmosphäre getragen werden.

Für Mignola war die Arbeit an diesem Comic im Grunde eine Fingerübung. Etwas, das er nur für sich selbst machen wollte und aus einer Idee heraus geboren wurde, die andere schnell wieder verwerfen würden. Denn Mignola wurde von Actionfiguren zu seiner Hauptfigur inspiriert. Einerseits, weil so viele Figuren gleich aussahen und sich nur durch den Kopf unterschieden, andererseits, weil er selbst Interesse an einer Roboterfigur gehabt hätte, bei der man den Kopf auf verschiedene Körper schrauben kann. Aber da er nicht auf dem Feld der Actionfiguren arbeitet, verfolgte Mignola die Idee auf die ihm einzig mögliche Art und Weise weiter: Er schrieb und zeichnete einen Comic.

Screw-On Head ist ein Agent im Dienste Abraham Lincolns, der seinen Kopf auf verschiedenste Körper schrauben kann und so die abgefahrensten Fähigkeiten erhält. Im Auftrag des Präsidenten soll er einen untoten Okkultisten ausfindig machen, der mit seinen Handlangern ein uraltes, kostbares Artefakt gestohlen hat. Dieses soll ihnen Eintritt in den Tempel von Gung gewähren, in welchem sich ein riesiger Diamant befindet, der seinem Besitzer übernatürliche Kräfte verleiht.

Im Grunde ist dieser Held so etwas wie der Schwippschwager von Hellboy, auch und gerade, weil eine Form von Humor dabei ist, die innerhalb der düsteren Lovecraft-Atmosphäre gut funktioniert, da sie schnell ins Surreale kippt. Das sind einerseits die sehr skurrilen Namen der Figuren, andererseits auch Funktionsträger wie der Hund, den man einfach fragen muss, wo der Schurke sich befindet. So erzählt Mignola sehr sprunghaft und nicht unbedingt logisch, sondern eher so, dass er immer dann eine abstruse Idee präsentiert, wenn er die Handlung fortführen muss.

Stilistisch bewegt er sich ganz auf seinem Hellboy-Terrain. So sehr sogar, dass man sich im Grunde fragt, wieso er die Figur nicht in dessen Universum integrierte, könnte man den Screw-On Head doch auch als so etwas wie den Vorläufer des B.U.A.P. sehen.

Abgesehen von der Heftpublikation zu Beginn des Jahrtausends war es schwer, diese Geschichte in anderer Form zu präsentieren, da sie für einen Sammelband einfach nicht genug Seiten hat. Für die jetzige Ausgabe, die Cross Cult eins zu eins von Dark Horse übernommen hat, musste man dafür auch auf andere seltsame Dinge zurückgreifen. Im Grunde hätte es Sinn ergeben, die Geschichten der drei Frauen und des Affen, die am Ende der Screw-On-Geschichte in Porträts gezeigt werden, zu erzählen, aber stattdessen griff man auf einen Mix aus Altem und Neuem zurück.

Zwei Geschichten erschienen in den Jahren 1998 und 2002 in verschiedenen Dark-Horse-Anthologien (Happy Endings und Scatterbrain). Während die Geschichte um den Magier und die Schlangen auf eine Idee von Mignolas damals siebenjähriger Tochter zurückgeht, nutzte der Künstler die Chance dieses Bandes, um die Geschichte um Abu Gung und die Bohnenranke neu zu zeichnen und dabei von fünf auf neun Seiten zu erweitern. Zwei weitere Geschichten entstanden exklusiv für diese Edition, ebenso wie der Epilog, der im Grunde keine echte Story darstellt, sondern als eine Art mood-piece diese Sammlung an Kuriositäten gebührend ausklingen lassen soll.

Die Sammlung dieser Geschichten ist natürlich etwas sprunghaft. Der rote Faden fehlt, aber dafür offenbart dieser Band einen Mignola, der vollkommen losgelöst von jedweden Konventionen ist. Die 2003 mit dem Eisner Award als beste humoristische Geschichte ausgezeichnete Erzählung des Screw-On Heads ist im besten Sinne ein künstlerisches Freistrampeln, da er hier weder auf den Verlag noch auf das Publikum Rücksicht nimmt.

„Ich habe diesen Comic nur für mich gemacht“, erklärt er im Nachwort des Bandes und ist zugleich erfreut darüber, dass viele seiner Fans ihn für seine beste Arbeit halten, was wohl auch daran liegt, dass Mignola hier eine weitreichend gestaltete Welt erschafft, ohne dass die der Erzählung inhärente Mythologie überstrapazieren würde. Das Universum des Amazing Screw-On Heads ist reich, aber es wird nicht weiter angezapft. Vielleicht macht auch das den Reiz dieser Geschichte aus, die man problemlos in Serie lassen gehen könnte, die aber – ähnlich der Auflösung um das magische Relikt – in ihrem ganz eigenen, kleinen Paralleluniversum existiert, in das der Leser eben nur diese eine Mal einen kurzen Blick werfen und darüber staunen durfte.

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