Jun 242017
 

Knapp 25 Jahre nach dem Original debütierte bei Image im August 2012 die sechsteilige Miniserie Black Kiss 2. In der Zwischenzeit hatte Chaykin mit der ersten Miniserie doch praktisch dem kompletten Eros-Label aus dem Haus Fantagraphics den Weg geebnet. Sex und Erotik sind heute längst ein nicht mehr wegzudenkender Teil des Comic-Marktes. Dementsprechend ist es deutlich schwerer, noch mit irgendetwas schockieren zu können. Ehrlicherweise muss man sagen: Black Kiss 2 kann es auch nicht.

Was den Sex betrifft, so ist Chaykin ganz und gar entfesselt. Er nutzt die phantasmagorische Qualität der Geschichte, um seiner (dreckigen Altherren-)Phantasie freien Lauf zu lassen. Flügelbewährte Dämonen mit tentakelartigen Schwänzen sind darum nur ein Element, das in Black Kiss 2 zur Geltung kommt. Darüber hinaus hat Chaykin eine Geschichte entworfen, die Prequel und Sequel zugleich ist, die mehr als 120 Jahre umspannt, aber bisweilen an ihrer eigenen Komplexität leidet.

Er beweist damit aber auch seinen Willen zur eigenen Entwicklung. Die Qualität der Zeichnungen mag fahriger erscheinen als noch beim 80er-Jahre-Original, strömt dafür aber eine rohe, urtümliche Kraft aus, die den derberen sexuellen Zoten eine ganz besondere Note verleiht.

Schon in den 80er Jahren erfand sich Chaykin neu. „Ich traf die bewusste Entscheidung, Techniken des Graphik-Designs einzusetzen, die bislang bei Comics nur angedeutet wurden“, erklärt der Autor im Interview mit dem Web-Magazin Print. „Sechs Monate sah ich mir alles Mögliche außer Comics an und entwickelte einen Leitfaden für mich selbst, wie man Information auf einer Seite darbieten kann.“

Das tut er heute immer noch. Seine Seiten sind Gesamtkunstwerke, so gestaltet, dass sie als Ganzes funktionieren und so ihre Wirkung erzielen. Das ist es, was Black Kiss 2 interessant macht, auch wenn der größte Aktivposten, den das Original hatte, gänzlich fehlt. Hier gibt es keinen Zweifel, in welcher Welt sich Cass und all die anderen bewegen. Im Original wurde das erst nach einiger Zeit klar, während man sich nie des Gefühls erwehren konnte, dass zwischen den Panels Dinge geschehen, die unerklärlich sind. Black Kiss 2 setzt hingegen auf offensivere sexuelle Darstellungen, die Schockwirkung verpufft jedoch.

Nicht, weil Chaykin nicht wüsste, wie man eine Reaktion beim Leser heraufbeschwört, sondern weil man einfach schon so viel gesehen hat, das versucht, den Mainstream bis an seine Grenzen zu bringen. Es ist nicht mehr 1988, die Zeiten haben sich geändert.

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