Sep 092014
 

„Foolkiller“ ist eine zehnteilige Miniserie, die 1990 von dem Superhelden-Traditionshaus Marvel auf den Markt gebracht wurde und seinerzeit alles andere als ein Hit war. Der Grund hierfür ist schnell gefunden: es tauchen praktisch keine Superhelden auf (von einem kurzen Spider-Man-Cameo abgesehen).

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Vielmehr ist Stever Gerbers packende Erzählung ein Cutting Edge-Thema, das seiner Zeit um einige Jahre voraus war. Der Foolkiller ist ein Schurke des Marveluniversums, der – wie sein Name schon sagt – Jagd auf alle Narren macht und dabei mehr oder weniger jeden, der ihm vor die Flinte kommt, tötet.

Mehr muß man eigentlich nicht wissen als die Geschichte beginnt. Wir befinden uns in einer Nervenheilanstalt, in der Greg Salinger, der zweite Foolkiller, einsitzt und seine soziopathischen Zwänge mit Hilfe von Therapien verlieren soll. Eines Tages kann er seinen Therapeuten überzeugen, daß es für seine Genesung sehr hilfreich wäre, wenn er schreiben dürfe. Er beginnt damit, Briefe an Zeitungen und Fernsehshows zu schicken und erhält nach langer Zeit des Wartens gar Antwort von einem zwielichtigen Talk-Show-Moderator, der ihm die Möglichkeit zu einem Interview gibt.

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Dieses Interview wird auch von Kurt Gerhardt gesehen, dessen Leben gerade den Bach runtergeht. Nicht nur wurde sein Vater wegen sechs lausiger sechs Dollar ermordet, nein, er verliert auch noch seinen gut bezahlten Job bei einer Bank und seine Ehe geht in die Brüche. Da bleibt Kurt letztlich gar nichts anderes mehr übrig, als sein Geld mehr schlecht als recht bei der Fast Food-Kette Burger Clown zu verdienen.

Kurt sieht das Interview im Fernsehen und beschließt, Salinger einen Brief zu schreiben, woraufhin es Salinger gelingt, mit Hilfe der neuesten Technik, sprich eines Modems, das er unbemerkt benutzen kann, einen regelmäßigen Kontakt aufzubauen. Von Merle, einer Freundin Salingers, erhält Kurt schließlich das Kostüm und die Waffe des Foolkillers.

Als Kurt auf dem Nachhauseweg sieht, wie zwei Jugendliche eine Frau attackieren, tötet er sie mit der alles verbrennenden Waffe des Foolkillers. Ohne daß er es selbst überhaupt bemerkt, ist der Foolkiller zu neuem Leben erwacht.

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Als neuer Foolkiller erkennt Kurt in dem verbrecherischem Abschaum, der New York überschwemmt, die wahren Narren und beginnt mit seinem Kreuzzug gegen das Verbrechen. In diesem Stadium, in dem er lernt, seinen Körper zu stählen und Schmerzen zu ertragen, ist er nichts anderes als ein weiterer Punisher: ein Vigilant, der das Gesetz in die eigene Hand nimmt und gegenüber Verbrechern sowohl als Richter und Henker auftritt.

Um sich von seinem Vorgänger abzuheben und auch zu zeigen, daß er in den Wochen des Trainings und des Wartens eine Veränderung durchlebt hat, schafft sich Kurt ein neues Kostüm und wird damit zum wirklich legitimen dritten Foolkiller.

Der Foolkiller tötet Verbrecher jedweder Art und spendet das Geld der Mörder und Diebe an Kirchen und andere Institutionen, weswegen er trotz seiner brutalen Vorgehensweise durchaus eine gewisse Anhängerschaft hat, die zufrieden damit ist, daß das Verbrechen endlich einmal zurückgedrängt wird.

Kurts Leben verläuft wieder besser. Er hat einen neuen Job gefunden und trifft sich auch regelmäßig mit einer ehemaligen Kollegin aus dem Burger Clown. Doch die Idylle währt nicht lange, da Salinger in seinen Nachrichten an Kurt andeutet, er würde die wahren Narren schon noch erkennen. Und tatsächlich, nachdem ihn ein Mord an einem Kind, das ihn im Drogenrausch angegriffen hat und welches er aufgrund einer Verletzung erst mit dem dritten Schuß töten konnte, an den Rand des Abgrunds führt, erkennt er die wahren Narren.

Der Foolkiller erklärt all jenen, die sich sinnloser Gewalt, Gier, übersteigertem Ehrgeiz und der rücksichtslosen Verfolgung des Profits hingeben, den Krieg. Von nun an ist keiner mehr sicher.

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Kurt verliert alle seine Sympathisanten, da er nun auch politische Eiferer, geizige Ladenbesitzer und eine Vielzahl anderer Menschen tötet. Für Salinger ist jetzt erst der Moment gekommen, da der wahre Foolkiller zurückgekehrt ist.

Das nächste Opfer des Foolkillers soll Darren Waite werden, ein Finanzmagnat, der seinen Reichtum auch über zwielichtige Quellen angehäuft hat. Nach einem mißglückten Attentat setzt Waite eine Viertel Million Dollar Belohnung auf den Kopf des Foolkillers aus. Kurt ist klar, daß seine Zeit als Foolkiller nun bald enden wird. Von einem Bekannten besorgt er sich neue Papiere und eine neue Identität für den Fall, daß er untertauchen muß.

Doch bevor der Jäger die Jagd auf die einzig mögliche Art beendet, durch den Tod des Jägers, muß er einen letzten Narren zur Strecke bringen: Darren Waite.

Derweil findet Salingers Therapeut heraus, daß sein Patient mit dem Foolkiller in Kontakt steht. Dabei erfährt er von Salinger, daß egal ist, was mit ihm selbst passiert und ob er den Rest seines Lebens in einer Anstalt verbringen wird, da nur das Konzept zählt. Er selbst ist irrelevant genauso wie der Foolkiller in New York. Wichtig ist nur das Konzept: Wenn die Welt zu viele Narren erschafft, sorgt die Natur immer für einen Foolkiller.

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Kurt gelingt es, sowohl Waite als auch dessen Komplizen Mendosa zu töten, bevor er untertaucht. Da die Polizei aber längst sein Gesicht kennt, gibt es nur einen Ausweg. Von Merle läßt er sich Säure ins Gesicht schütten und beginnt unter neuer Identität ein neues Leben.

Steve Gerber, der in den 70er Jahren vor allem für seine innovativen Geschichten bei den Serien „Howard the Duck“ und „Man-Thing“ bekannt wurde, darüber hinaus aber auch in anderen Bereichen durchaus interessante Stories zu erzählen hatte, legte mit „Foolkiller“ eine Geschichte vor, die für die damalige Zeit und den Verlag recht ungewöhnlich war.

Immerhin wird die Geschichte aus Sicht des Schurken erzählt, wobei ein Held im engeren Sinn gar nicht vorkommt. Zwar taucht mal kurz Spider-Man auf, aber er hat keinen direkten Kontakt mit dem Foolkiller. Ähnlich verhält es sich mit den Vertretern des Gesetzes, die erst gegen Ende, nachdem der Foolkiller auch zwei Cops getötet hat, wirklich beginnen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um gegen den Copkiller vorzugehen.

Nun wäre dies aber kein außergewöhnliches Stück Comic, nur weil die Geschichte aus der Sicht des Schurken erzählt wird. Eine solche Erzählstruktur hat es immer wieder mal gegeben, auch wenn solche Geschichten für gewöhnlich weder sonderlich erfolgreich noch wirklich originell waren.

Was „Foolkiller“ aber zu einer herausragenden Arbeit macht, ist die intensive Beschäftigung mit dem Charakter des Kurt Gerhardt. Er wird als normaler Mann eingeführt, dessen Leben buchstäblich in Stücke gerissen wird. Jeder, dessen Leben schon einmal nicht so verlaufen ist, wie er es sich vorgestellt oder gewünscht hätte, kann sich an diesem Zeitpunkt bestens mit Kurt identifizieren.

Gerber benutzt diese Vorgehensweise, um den Leser auf seine Seite zu ziehen, ihm zu zeigen, daß der Mensch Gerhardt nicht sehr viel anders ist als wir auch und daß jeder von uns auch seinen Weg beschreiten könnte.

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Einen ersten Riß in diesem „normalen“ Leben gibt es durch Kurts Entschluß, etwas gegen die Verkommenheit dieser Welt zu tun. Ähnlich wie der Punisher hat auch der Foolkiller einen Grund, gegen Verbrecher vorzugehen. Zwar ist sein Motiv nicht die eigene ermordete Familie, aber der Wahnsinn und das Chaos, die Unmenschlichkeit und das Verkommene, die unsere Metropolen durchziehen, bringen Kurt dazu, selbst Hand anzulegen.

Anfangs ist er nichts anderes als ein Anti-Held, der zwar tötet, aber dies nur bei jenen tut, die selbst nichts anderes als Mörder sind bzw. die nur noch einen Schritt davon entfernt sind, zu töten. Während dieser lange anhaltenden Phase in der Miniserie kann man sich als Leser immer noch mit dem Foolkiller identifizieren. Ähnlich wie das Paradebeispiel des mordenden Vigilanten, dem Punisher, empfindet man auch für den Foolkiller Sympathie, da er daran arbeitet, die Welt für uns alle ein bißchen besser zu machen.

Der springende Punkt ist, daß der Foolkiller nur jene tötet, die schuldig sind: Mörder, Vergewaltiger, Drogenhändler, Aidsinfizierte Nutten, die ihren Kunden den schleichenden Tod verkaufen wollen und Männer, die ihren Aggressionen und ihrem Gewaltpotential Zuhause freien Lauf lassen.

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Man mag darüber streiten, wer von diesen Menschen wirklich den Tod verdient hat, aber die Opfer, die es dem Foolkiller verdanken, daß sie ihr Leben weiterführen können, sind sich bei dieser Frage wohl völlig klar, wo sie stehen.

Steve Gerber hätte es sich leicht machen können und seine Miniserie mit diesem Anti-Helden erzählen können, ihn zu einer Popikone wie den Punisher verklären können, aber er wagte einen weit schwierigeren Weg: den Sturz in den Abgrund.

Der Autor zeigt uns über eine lange Zeit den Foolkiller als Anti-Helden und läßt ihn dem Zuschauer einigermaßen sympathisch erscheinen, da er im Endeffekt einer von uns ist, aber langsam schleichen sich in die Gedankenwelt von Kurt Gerhardt andere Ideen ein. Ideen, die ihm die wahren Narren offenbaren und ihn letztlich über den schmalen Grat zwischen Gut und Böse, Falsch und Richtig, stürzen lassen.

In dem Moment, da der Foolkiller beginnt, praktisch jeden zu töten, den er für einen Narren hält – Menschen, die freilich gierig oder populistisch veranlagt, trotzdem aber keineswegs Schurken sind – verläßt Kurt die Domäne des Anti-Helden und wird zum Schurken.

Alle Sympathie, die man für den Charakter empfunden hat, sollte verschwunden sein und doch fühlt man sich als Leser unweigerlich versucht, einen Sinn hinter den Taten des Foolkillers zu finden. Er ist uns längst vertraut genug geworden, als daß wir ihn einfach als Schurken im klassischen Schwarz-Weiß-Schema abschreiben können. Am Ende, da der Foolkiller einen die Massen aufhetzenden Talk-Show-Moderator tötet und schließlich Waite und Mendosa tötet, wünscht man sich für Kurt ein Happy-End, das man aber eigentlich aufgrund der Vorgeschichte nicht mehr erwartet. Hier überrascht uns Gerber aber tatsächlich mit einem geschickt eingefädeltem Happy-End, das Kurt Gerhardt ein neues Leben beschert. Der dritte Foolkiller starb im Kugelhagel, aber Gerhardt hat überlebt und beginnt nun, sich eine neue Existenz aufzubauen. Ob er die Identität des Foolkillers für immer wird abschütteln können oder ob die Natur über kurz oder lang für einen vierten Foolkiller sorgen wird, läßt Gerber offen.

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Die größte Leistung, die Gerber mit seiner Geschichte vollbracht hat, ist aber wohl die genaue Charakterzeichnung von Kurt Gerhardt, der von einem normalem Mann zum Vigilanten und schließlich kaltblütigen Killer wird, nur um einer ungewissen Zukunft entgegenzusehen. Der Blick in das tiefste Innere dieses Mannes ist es auch, der dieses Epos weit über das Niveau vieler anderer Comics hebt und für eine teuflisch interessante, dabei aber oftmals sehr realistische Geschichte sorgt.

Nicht unerwähnt bleiben sollen aber auch die Zeichnungen von J.J. Birch, Tony DeZuniga und Vincent Giarrano, die sehr solide sind und dabei allen Charakteren ein realistisches Aussehen innerhalb eines realistischen Umfeldes geben. Nirgendwo in dieser Geschichte wird man auf übertriebene Proportionen und Superheldentypische Muskelpakete stoßen.

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