Jul 232012
 

Die Zusammenhänge sind zu eindeutig, um auch nur darüber nachzudenken, die Debatte nicht zu führen. Der Amokläufer von Denver, der während der US-Vorpremiere des Batman-Streifens “The Dark Knight Rises” zwölf Menschen erschoss und fast 60 verletzte, war inspiriert durch den Erzrivalen des dunklen Ritters: Den Joker.

Ort des Massakers: Das Kino von Aurora, einem Vorort von Denver

War es ein Amoklauf wie die vielen anderen auch, die vor allem Amerika heimsuchen? Als der 24-Jährige  in Gasmaske, langem Mantel und schusssicherer Weste den Kinosaal betrat, hielten ihn viele Gäste für einen Teil der Filmvorstellung. Vor der Leinwand eröffnete der Täter urplötzlich das Feuer. Wahllos schoss er das erste Magazin seines AR-15-Sturmgewehrs in die Reihen, Panik brach aus, zwölf Menschen kamen ums Leben, 58 Verletzte sind derzeit verzeichnet. Frauen, Männer, Junge, Alte, sogar ein Säugling befindet sich unter den Opfern. Vor der Bluttat der Mann mit den rot gefärbten Haaren nur: Ich bin der Joker.

Was anders war, als bei den meisten Amokläufen: Nur wenige Minuten nach dem Anschlag ergab sich der Täter widerstandslos der Polizei. Kein Selbstmord. Kein Schusswechsel. Kein Fluchtversuch. Letztlich warnte er die Polizei sogar noch vor den Sprengstofffallen, die er in seiner Wohnung installiert hatte. Darunter bizarre Konstruktionen: Die Stereoanlage sollte sich alleine einschalten, die Nachbarn mit Lärm zum Rufen der Polizei animieren, die dann beim Öffnen der Tür eine Explosion auslöst.

Bis dato war der Mann vollkommen polizeiunauffällig, ein Student der  Neurowissenschaften, der gerade seine Doktorarbeit geschmissen hat. Dieser Mann, James Holmes, nutzte das Internet eher vorsichtig und unter Pseudonymen, war in ein paar Fachforen und nachweislich auf einer Sex-Kontaktbörse aktiv. Alle Waffen hat er legal erworben. Von einem terroristischen Hintergrund wird nicht ausgegangen, etwas, das die Tat erklären könnte, ist bis dato nicht gefunden wurden. Auch keine Aussage des Täters liegt bislang vor.

James Holmes: Vom strebsamen Akademiker zum eiskalten Killer

Kann man den zwölffachen Mörder einfach als einen weiteren Irren stempeln, ist die Comic- oder Filmvorlage gleichzusetzen mit der Bedeutungslosigkeit sogenannter Killerspiele in solchen Fällen, wie sie Millionen friedfertiger Menschen spielen? Das lässt sich mit der aktuellen Erkenntnissen nicht beantworten, trotzdem ist nicht zu übersehen, dass die letzten Batman-Filmbösewichte, Ra’s al Ghul, dargestellt durch Liam Neeson und eben der Joker, für den Heath Ledger posthum der Oscar verliehen wurde, sehr tiefsinnige Figuren sind. Beiden und wohl auch dem Schurken Bane im aktuellen Streifen ist gemein, dass sie die westliche Gesellschaft – verkörpert durch ein korruptes Gotham City – zerstören wollen; um jeden Preis. Und mit diesem Gedanken sind die überzeichneten Fantasiefiguren in der Realität nicht ganz allein.

Echte Wertschätzung von Demokratie, dem Menschenbild als Sakral, dessen Recht auf Unversehrtheit unverhandelbar ist, die friedliche Streitkultur und andere Dinge, die wir eben mehr oder weniger als Errungenschaften des Westens verstehen – finden im Alltag des Internetzeitalters keine selbstverständliche Zustimmung. Auch nicht in den Verschwörungswirrwar-Foren, die auch Holmes hin und wieder konsultierte. Und wieviele wären wirklich traurig, wenn das ganze System, das absurde Bankwesen, die ungerechte Verteilung von Besitz,  die Wirtschaftslobbies in der Politik und der ganze weniger erfreuliche Rest uns eines Tages um die Ohren fliegt? Joker, Ra’s al Ghul & Co. sind mehr als nur schrecklich-sympathische Filmbösewichte, sie drücken ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Veränderung aus, einen allgemeinen Dünkel, dass das System, in dem wir leben, sich ausgeschöpft haben könnte. Ob das so ist, kann hier nicht beantwortet werden. Aber dass der Joker oder jemand Vergleichbares unter uns zumindest existieren könnte, scheint nicht ganz abwegig. Es gibt keinen Iron-Man-Superkampfanzug, kein Gentechnikunfall hat je ein grünes, unstoppbares Monster erschaffen und auch unsterbliche nordische Götter mit spacigen Superwaffen sind völliger Nonsens. Selbst näher an der Realität angesiedelte Geschichten, in denen Al Quaida die Atombombe bekommt, scheinen trotzdem unwahrscheinlicher als der fiktive  Terror von Innen durch Nolans Inszenierungen. Das ist einerseits genial und erklärt auch den Erfolg, wie der Regisseur da den Zeitgeist trifft, andererseits war höchstwahrscheinlich sein Joker mitunter Inspiration für die Ausgestaltung eines Amoklaufs.

Deswegen müssen die Filme nicht und die Comicvorlagen noch weniger auf den Index oder sonstwie kritisiert werden. “Comics sind die neuen Killerspiele” will ich in keiner Schlagzeile lesen müssen. Das hat etwas von Friedrich Nietzsches Zarathustra auf Hitlers Schreibtisch: Sicher hat sich der Massenmörder an den mächtigen Wortgebilden des Autors berauscht, in seinem Handeln aber bestimmt nicht dessen Absicht verfolgt.

Womöglich kam der Joker Holmes gerade Recht, sich in eine perverse Rolle zu flüchten, wenn auch die cineastische Begegnung mit ihm sicher nicht der ausschlaggebende Grund für die Bluttat war. Und natürlich reicht es auch nicht ein solches Verbrechen auf den Konsum irgendwelches Kulturguts herunterzubrechen.

Niemand denkt an ein Waffenverbot

Klüger sind wir wohl erst, wenn der Amokläufer James Holmes sich zu seiner Tat äußert. Und irgendwie doch nicht klüger, denn: Was die Waffengesetze in den USA angeht, die wirklich jedem erlauben, effektiv durchzuknallen – die bleiben wohl unangetastet; weder Präsident Obama noch dessen vermutlicher Herausforderer Romney wollen sich zu Beginn der heißen Wahlkampfphase kritisch über Amerikas heilige Kuh – Waffen für alle – äußern.

Von Sascha Maier

 

  One Response to “Batmans dunkelste Stunde”

  1. hallo comicecke,
    nach dem amoklauf, sind mal wieder die comics an der miese schuld. nur weil mal wieder ein hirni scheiße gebaut hat, wird wieder nur einer sache die schuld gegeben. in den fünfzigern, waren es ja auch schon aml die comics, als damals die komische fsk eingefürt wurde, obwohl die damaligen comics an harmlsigkeit ja kaum zu überbieten waren. später waren es fernsehserien, dann horror oder actionfilme. wieder später waren es computerspiele wie z.b. couter strike und ähnliche. und jetzt mal wieder die comics. dieser komische amokläufer kennt die comics nicht einmal richtig. seit wann hat der joker knallrote haare? der joker hatte immer grüne haare und ein kalkweises gesicht. jedenfalls finde ich es zum kotzen das immer irgendwelche literatur, spiele oder filme für etwaige amokläufe verandwortlich gemacht werden. schon schlimm genug das man selbst als erwachsener nur beschnittene filme zu sehen bekommt, obwohl ab 18 drauf steht. da flippt mal wieder einer aus und schon ist die ganze brange in misskredit oder so. ich lese seit meinem 10. lebensjahr comics aller arten, gehe in die härtesten filme und spiele auch resident evil und andere horrorspiele, schreibe horrorgeschichten, zeichne horrorbilder und ähnliches. aber in meinen ganzen 56 jahren bin ich nicht auf die ideee gekommen das nachzumachen und leute abzustechen. ich bin der meinung, das die leute die soetwas tun, schon generell eine klatsche an der backe haben. sonst müßte jeder der auf einer lahn party couter strike spiel ein potenzieller killer sein. so ein blödsinn. das ist meine meinung zu diesen leider immer wiederkehrenden themen.
    liebe grüße von pedro lange ***

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