Jul 052011
 

Vielleicht zum Leidwesen des Kinos im Allgemeinen hat die kreative Schaffenskraft Hollyoods, wenn es darum geht, vollkommen neue Plots aus dem Hut zu zaubern, seit der Jahrtausendwende deutlich nachgelassen. Und nicht zuletzt sind es Comics, deren man sich als Vorlage für die millionenschweren Mammutproduktionen von heute bedient – was mal großartig funktioniert, siehe die preisgekrönten Christopher Nolan-Batman-Filme, und mal richtig in die Hose geht, à la Catwoman in Beauty-Werbung-Optik oder die grüne Hulk-Grütze.

Jetzt hat das Superheldentum auch den Broadway erreicht: Mit ca. 65 Millionen Dollar Produktionskosten ist das Spiderman-Musical “Turn Off The Dark” das teuerste aller Zeiten. Und es stand unter einem denkbar schlechten Stern: Aufgrund mittlerweile fünf schweren Verletzungen wurde die Premiere immer wieder verschoben – bis sie vergangenes Wochenende dann doch noch in New York stattfand.

Branchenüblich finden auch bei Spiderman Vorpremieren statt, hier nun schon über irrwitzige 100, doch die Vorstellungen sind ausverkauft. Das, obwohl Musicalregisseurin Julie Taymor (König der Löwen) gefeuert wurde, um danach doch wieder eingestellt zu werden, obwohl Bono von U2, der sich für den Soundtrack verantwortlich zeigt, lieber mit Band tourte und wohl aus Zeitmangel eines seiner schlechtesten Werke überhaupt produzierte, obwohl die Presse das Stück in Fetzen riss, wie Marcel Reich-Ranicki es vermutlich mit Stan Lee’s Vorlage machen würde (New York Times: “Spiderman ist rettungslos kaputt.”).

Möglicherweise ist es die Sensationslust, die die Besucher ins Theater am Times Square lockt, denn spektakulär sah es sicher aus, als der Spiderman-Darsteller aus neun Metern Höhe in den Orchestergraben rauschte, weil er nicht richtig gesichert war.

Einen gewissen Schauwert kann man der Katastrophenproduktion nicht absprechen, was der Trailer beweist. Vielleicht gilt auch hier, was Superheldengeschichten so oft nachgesagt wird: Logik abschalten, zurücklehnen, Action genienießen!

Bei Weitem nicht so spektakulär, dafür aber deutlich subtiler gestaltet sich hierzulande der Musical-Dreiteiler “Gotham City – Das Musical”.  Jetzt im Theaterhaus Jena gestartet, zeigt die morbide Inszenierung der Rebekka Kircheldorf in comichafter Überspitzung menschliche Abgründe und greift dabei auch schonungslose Tabuthemen wie Pädophilie auf.

In der kaputten Welt der Adaption dieser Comic-Metropole gibt es jedoch keine Helden wie Superman oder Batman – und zeigt stattdessen die schurkischen Antagonisten von einer allzu menschlichen Seite, als gescheiterten, von den eigenen Trieben versklavte Existenzen.

Ein Interview mit der Autorin Kircheldorf liefert Einblicke in den Spagat zwischen eigenen, düsteren Lebenserfahrungen und klischeelastigem Comic-Kitsch.

 Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)